Saure Sahne

Februar 19, 2009

Hamburg riecht für mich so, wie die U3 und die U2 im Untergrund. Aber nicht unten selbst, sondern nur da, wo man darin eintaucht, dahin runtergeht oder an Ausgängen vorbei spaziert. Mag komisch klingen, doch jedesmal, wenn ich bei dem Antiquariatsladen vor Planten und Blomen vorbeilaufe (bei dem U-Bahn-Abgang), hab ich ein Flashback, rieche Hamburg so, wie es für mich gerochen hat, als ich mein erstes halbes Jahr hier verbracht habe.

Genauso gehts mir mit dem Namen „dat backhus“ und „kamps“. Diese Namen sind nicht so in mir und so völlig normal geworden wie „Schanze“, „Kiez“ oder „Alsterwasser“. Diese zwei Backhäuser klingen irgendwo neben meinem Kopf, neben meinem Ohr. Sie klingen für mich nordisch, hamburgerisch, und noch immer fast ein bisschen fremd. Komisch, denn ich zucke auch bei anderen Wörtern nicht zusammen. Ich sage schon lange nicht mehr „Häferl“, „Polster“ und „Eierspeis“, sondern trinke schon lange aus Bechern, schlafe auf Kissen und esse Rührei zum Frühstück.

Auch Orte und Ortsnamen haben diese zauberhafte Eigenschaft für mich beibehalten. So fühle ich mich noch immer ein bisschen fremd und fast südländisch, wenn ich „Rödingsmarkt“ höre und ein bisschen so, wie der blutjunge Praktikant in einer Werbeagentur im letzten Stock des imposanten Hauses. Dann sehe ich die Sonne über Hamburg brüllen, fühle die Hitze jenen Sommers, sehe mich klitschnass über den Rathausmarkt laufen („gehen“ sage ich doch schon lange nicht mehr) und mein Apartment an der Alster, ehe mich das Gefühl einholt, dass ich hier nicht wegmöchte, und dennoch in den Flieger (vorerst) wieder einsteigen musste. Obwohl ich doch eh hier bin.

Am allerbesten fand und finde ich ja den Dialekt. Also, wenn jemand so richtig lang und breit schnackt (ui, auch ein ganz schwieriges Wort bei mir, denn mein geliebtes „ratschen“ dafür, kann einfach nicht das gleiche nochmals aussagen) und „saure Sahne“ und „Remoulade“ so ausspricht, wie Österreicher das nur von Käptn Blaubär kennen. Ein „Butter bei die Fische“ konnte ich auch ganz lange nicht deuten, habe mich lange gefragt, was denn Fische mit Butter zu tun haben.

Ein „Moin Moin“ habe ich, ich schwöre, noch nie über meine Lippen gebracht. Auch nicht in der Singleform. Das steht mir irgendwie nicht zu. Das kann man auch mit nix vergleichen, denn wenn ich mir vorstelle, dass jemand nach Kärnten zieht (warum auch immer) und dann irgendwann zur Begrüßung ein lässiges „Seas!“ rauswirft, fände ich das eher charmant. Und normal. Ich sag mir einfach immer, man muss ja nicht alles gleich nachmachen… Manchmal muss ich nämlich auch schmunzeln, wenn mir am Telefon noch ein „Ciao, baba!“ rauskommt und die Leute mich fragen, warum ich meinen Vater denn fast französisch ausspreche. (…derweil ist „Baba!“ einfach ein wienerischer Abschiedsgruß, den man, unglücklicherweise, weder deuten noch übersetzen kann)

Namen wie „Ohnsorg“ oder „Buxtehude“ werden immer eine Prise Nordsee für mich haben. Sie werden für mich immer so nordisch fremd klingen wie „Tide“, „Büx“ oder „Kopp“. Da stell ich mir dann Schiffe vor, Matrosen und Kapitäne, Segel, die im Wind flattern und weiß-rote Buden, die Fischbrötchen und schwarzen Kaffee aus der Filterkann verkaufen. Und das soll sich gar nicht ändern! Dieses Klischee macht mir heute noch Herzklopfen und wenn dann von jemanden ein „miern deern“ kommt, werde ich noch immer und immer wieder ganz schwach auf den Beinen… Und so könnte ich ewig weiterschreiben. Und das ist auch gut so, wenn ihr wisst, was ich meine…

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7 Responses to “Saure Sahne”

  1. paracuda Says:

    … und weils so schön war, ist und bleibt:

  2. Chris Says:

    also mein kumpel der auch östracha is und in minga wohnt (und mit dem ich -ganz nebenbei bemerkt- nächsten freitag aufs o.ä.sis konzert dort gehe) sagt auch immer baba. und ich übersetz das mit bye bye. punkt.

    ach und nochwas dude: die fragen aller fragen:
    gehst du daher.. oder gehst du da lang.. ?? (daran merk ich immer das nord süd bzw west gefälle in nrw geht man nämlich daher…)

  3. Chris Says:

    ach und nochwas dude: ich find das gut dass du dir von allem das beste rauspickst. mit anderen worten man darf auch Nordfisch by nature hören auch wenn man nicht aus hamburg kommt: http://www.youtube.com/watch?v=a7nPmn3soiM

    alles hat seine grenzen auch der lokalpatriotismus (und das ist auch gut so)… mein gott das war der politischste satz den ich jemals im internet veröffentlicht habe. sorry hanna du kennst mich sonst nur für meine indifferenten beitrage die so unwichtig sind wie ein kropf. so wird es auch bleiben. keine ausflüge mehr. zu unsicher. das alles.

  4. Trixi Says:

    Hanna, das ist süß!
    Und das mit baba und byebye hatte ich auch gedacht…

  5. alikatze Says:

    Moin Hanna 😉
    soviel Wahrheit im Text und doch so viel Festgelegtes 😉
    Der Mix macht Dich aus, mit Deiner Offenheit will man Dich gerne Willkommen heißen und was immer Du Dir „tosomen klamüserst“, es muss ja zuallererst Dir schmecken.

  6. Ju Says:

    Als Augsburgerin in Hamburg kann ich vieles von dem, was Du hier schreibst, nachvollziehen. Ganz schwer ist mir am Anfang die Begrüßung von Menschen in Hamburg gefallen, die ich nicht persönlich kenne. Was sage ich zu einer Kassiererin? „Moin“? Ich bin ganz Deiner Meinung, das geht nicht, ich kann es nicht sagen. „Hallo“? Ne. „Guten Tag“? Das klang für mich seltsam.

    Umgekehrt brauche ich inzwischen einen Tag, um mich im Süden ans „Grüß Gott“ zu gewöhnen.

    Und so wie mir hier andauernd gute Brezen fehlen (ich muss immer grinsen, wenn ich sehe, wie in den hiesigen Bäckereien maximal 10 sorgfältig aufgereihte, furztrockene „Laugenbrezeln“ liegen, die schon fast als Spezialität gehandhabt werden), fehlen mir im Süden inzwischen die Franzbrötchen. So ist das.


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