Die grauen Riesen sind Zeuge

November 22, 2008

Ich steh auf Deiner Veranda. Es ist wieder Herbst geworden und ich schau in die Berge, wie sie so groß und sanft, wie indische Elefanten, über das Land regieren und alles sehen, was passiert.

Ich steh mit dem Rücken zur Tür, die plötzlich aufgeht und mit ihrem Fliegengitter wieder locker zurück ins Schloss fällt. Du hast einen Krug Limonade in der Hand und in der anderen zwei Gläser, wie früher. Bloß, dass Du nun Eiswürfel Deinen Gästen offerierst und einen Ring trägst, der Dich glücklich macht. Denk ich mir. Ich dreh mich um und da stehst Du mit angewinkelten Armen und einem freundlichen Gesicht. Deine Augen sind sehr ruhig geworden. Ich kann leider nicht erkennen, ob sie auch zufrieden und wirklich glücklich sind. Wir haben uns zu lange nicht gesehen. Wir hören voneinander, aber wie die andere Wange riecht, haben wir beide vergessen.

Du bittest mich Platz zu nehmen. Fast vornehm, aber gekonnt locker lässig. Ich setz mich in den linken  Bastkorbsessel und lege meine Hände artig aufeinander in den Schoss. Mein Blick wandert ein bisschen nervös an Deinem Profil und an Deinem Körper herum und sucht Dinge von damals und früher. Du bist gleich. Deine Nase, Deine Daumen und Deine Zehen sind wirklich ganz gleich. Die Haare sitzen ein bisschen anders, nämlich genau so, wie sie sitzen, wenn man sich nach langer Zeit wieder sieht. „Trag ich jetzt so“ sagst Du. Ich nicke und lächle und mach einen Schluck von der selbstgemachten Limonade. „Die macht sie immer; jeden Sommer.“ Ich lächle und versuche nicht so auszusehen, als wünschte ich, dass das alles nie so weit gekommen wäre.

Wir schweigen eine Weile und ich schau mir die Veranda an, die so ruhig und friedlich all ihre Gäste darauf verweilen lässt. Links neben der Tür steht eine Hollywoodschaukel, auf der eine Katze zusammengerollt ihren Frieden genießt und ich höre, wie sich drinnen jemand einen Schlüssel vom Tisch schnappt und sich durch die offenen Fenster durch verabschiedet; sie ist schnell mal weg, noch was fürs Abendessen besorgen. Sie streckt ihren Kopf in Richtung Fliegengitter, lächelt und winkt, ehe sie auch schon weg ist und ich den großen Wagen in der Auffahrt brummen höre. Schön ist sie. Groß und grazil, aber nicht zerbrechlich. Sie ist eine herzliche und gastfreundliche Frau und lacht wie eine dieser aus den Filmen, die man hasst, weil man sich danach so gewöhnlich fühlt.

Dann sind wir allein und ich schau zu Dir und fühle mich wie damals. Ich würde gerne mit meiner Nase an der Innensete Deines Oberarmes entlang fahren. So bekannt siehts da aus. Ich kannte sie noch ohne Bilder und stelle mir vor, wie sie früher nackt und schwer auf meinem Rücken lag. „Alles richtig gemacht“ sag ich zu Dir und hole zwei Dosen Bier aus meiner Tasche die ich uns aufmache und auf den kleinen Beistelltisch zwischen uns stelle. „Aber es ist schon komisch, das muss ich zugeben“ lege ich noch hinten nach. Wir prosten uns zu und Du erzählt mir nach und nach von Deinem Alltag, Deinen kleinen und großen Wünschen und Deiner neuen Leidenschaft, dem Möbel bauen. Irgendwann lachen wir bei jedem zweiten Satz, sitzen locker auf den so nett arangierten Sesseln und wischen uns mit den Unterarmen Bier von unseren Mündern und es ist, als wären wir nie auseinander gerissen worden. Dennoch bist Du mir nicht mehr so vertraut wie damals und ich weiß, dass wir nie nie wieder in diesem einen roten Fluss gemeinsam schwimmen, uns treiben lassen werden. Die Zeit hat uns schneller geholt, als uns das immer lieb war und nun sitzen wir beide hier, in Deinem neuen Leben und trinken leichtes Bier aus leichten Dosen und warten auf das Abendessen, dass ich Dir gerne für den Rest meines Leben zubereitet hätte. Aber ich frag mich, ob ich da nicht in einer Schleife hängen geblieben bin und nicke Dir zu und wir wissen beide, dass ich morgen wieder fahre und wir nie wieder voneinander wissen werden, wie denn die andere Wange riecht.

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4 Responses to “Die grauen Riesen sind Zeuge”


  1. Sprachlos. Eine Ansage von einem Text an einem grauen Sonntag morgen, puuh.

  2. morixglueck Says:

    Wunderbar. Beschreibt ein Gefühl, das wir alle kennen.

  3. alikatze Says:

    Puh, hardly read a blues that perfect before! Die Musik dazu kommt von Tord Gustavsen – ich kann jetzt kein besonderes Stück nennen, aber seine Melodien sind wie Bilder – leicht „chamoix“ aber noch viel zu warm um zu verblassen. Und egal wo Du sie siehst, sind sie doch immer ein Teil von Dir …
    Vielleicht lauschen wir ja diesen Winter mal gemeinsam – würd mich freuen.

  4. werner Says:

    Hm, ganz ganz schön empfunden und geschrieben. Da werden die Augen so angenehm feucht und ich weiss, dass es noch Tränen gibt.


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