Soll ich uns ein Video holen?

Februar 1, 2008

Schön. Es ist halb drei nachmittags und mit einem Bein steht die deutsche Nation nun schon so gut wie im Wochenende.

Wochenende.

Früher hab ich es gehasst, das Wochenende. Samstag. Sonntag. Ich hab nicht nur die zwei Tage an und für sich gehasst sondern, im Laufe der Jahre, auch einen regelrechten Hass auf dieses eine Wort aufgebaut. Wochen-Ende. Soso. Zwei Tage am Ende von der Woche. Und dann geht der ganze Schmafu aber eh wieder von vorne los.

Ja, früher war ich schon Freitag Abend nervös, weil ich wusste, was auf mich wartet. Und war der Samstag rum Abend konnte ich dann gar nicht mehr klar denken, weil ich dann schon zu Recht ahnte, was auf mich wartet: der verkackte Sonntag nämlich. Der steht zwar im Volksmund immer so als George Clooney der Wochentage da, ist im Endeffekt aber was sehr Lausiges.

Der Sonntag verlangt nämlich in erster Linie unsere vollkommene Aufmerksamkeit. Das fängt schon am Samstag an, wenn man überlegen muss, was man für den nächsten Tag so alles an Ess- und Habsalien braucht, um locker und entspannt über die Runden zu kommen. Diesen Fakt können Großstädter meist lässiger sehen als Menschen vom Land, die in nächste Dorf pilgern müssen und dann samstags den Geschäftsschluss um 16 Uhr nicht verpassen sollten. Denken denken denken – nur wegen eines verdammten Wochentages.

Weiters möchte der Sonntag von uns meist Planung – oder eben Nichtplanung. Meist rufen die Leute schon um 11 Uhr morgens an, fragen nach Frühstücksplänen, nach Mittagsplänen, nach Nachmittagsideen und nach Abendplanungsvorhaben. Zum einem, weil viele viele Menschen nicht Nichtstun können (ich! ich kann das ganz herrlich!) und einen Sonntag OHNE smart überdachtes Ausfüllungskonzept für schwach, langweilig und schlicht nicht gut halten. Ein Sonntag muss Programm haben! ruft die Nation und stürzt sich in Kaffeehäuser oder Gebäude, die entweder mit Bildern, Tieren oder Kindern gefüllt sind.

Ich kann es Ihnen nicht übel nehmen. Ich war früher genau so.

Ich hing bis mittags in der Wohnung und fühlte mich unendlich leer, trotz Eiernockerl im Magen und Musik im Ohr. Krampfhaft hab ich versucht die Stunden mit Leuten, Skulpturen und diversen Kuchenstücken zu kitten und bin sogar so weit gegangen, dass ich FRÜHSTÜCKEN auch sehr hip und toll fand, auch wenn ich samstags dafür extra im Müsliregal des Supermarktes eine Voratsschachtel Cerealien abgegriffen hatte (siehe oberer Absatz). Erst wenn ich abends ein paar Leute, ein paar Milchkaffee und mindestens ein abgerissenes Ticket meinen Tag nennen konnte, wollte sich mein Korpus zur Ruhe legen und diesen „toten Tag“ einen „guten“ nennen.

Genau die Sache mit dem „toten Tag“ machte früher für mich die ganze Sache zum Problem. Es schien, als ob die bildlich gesprochenen Rollläden, die Samstagabend die Läden schlossen, auch über mich einen grauen Vorhang legten und diesen erst wieder entfernen würden, wenn Montag Morgen die ganzen Geschäfte der Stadt die Türen öffneten.

Damnit!

Irgendwann, es muss wohl im Zuge des grausamen Erwachsenwerdens gewesen sein (erstes Drittel), hab ich mit der Scheiße aufgehört. Zum einen hat mein Umzug nach Hamburg schon mal sehr geholfen, wo dieses „Sonntagsgefühl“ einfach nicht existiert und ich sehr wohl einen ganzen Tag in Jogginghosen auf meiner Couch liegen kann, ohne dabei den großen Blues schieben zu müssen.
Zum anderen bin ich sogar schon so weit, dass ich an den meisten Sonntag richtig glücklich bin, dass die Läden eben nicht offen haben und ich seelenruhig, Sonntag Morgen, durch die sonnige Innenstadt joggen kann, ohne dabei diverse Passanten, Kunde und Kinder nieder zu rennen. Go go go! Einfach straight durch. Die Mönckebergstraße runter, quer übern Jungfernstieg, vorbei an Schaufenstern und wenigen Spaziergängern, die Kaffeetogobecher in der Hand halten und mich für IRRE deklarieren.

Zwar muss ich gestehen, dass ich als berufstätiger Mensch nur den Samstag habe, um zum Beispiel die neue Kollektion von COS zu begutachten und später auch noch meinen Kühlschrank aufzufüllen, aber Planung ist alles. Ich denk sowieso, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Läden auch sonntags ihre Tore hochreißen und die konsumgeilen Hühner in die Stadt springen, um auch noch am 7. Tag der Woche ein paar Piepen für billig gefertigte Hasi&Mausi-Teile beim Fenster raus zu donnern.

Und wisst ihr?
Ich gestehe. Ich gestehe, dass ich dann DEN Sonntag vermissen werde, den ich hier so lieben gelernt habe. DEN Sonntag, an dem man in die kostbar , zum Hafen, zur Tanke (Gurken! Ich brauch unbedingt Gurken!) und vor allem: in die Waagrechte geht – nachdem man den Vormittag in der Innenstadt herumgejoggt ist, wo man seine Schuhe sogar am Mamor aufsetzen hören kann und es schön findet, seine Nase am Massimo Dutti geschlossenen Schaufenster platt zu drücken. DEN Sonntag, an dem ich abends auf der Couch sitze, mir ein Fernsehduell zwischen dem perfekten Dinner und den Auswanderern gebe, und ohne schlechtem Gewisse schlafen gehe, weil der lausige Sonntag wieder mal ein lausiger Sonntag war, der sich aber gar nicht so schlecht anfühlt.

Okay. Ich gebe es zu. Ich bin nun erwachsen. Und: ich liebe diese verdammten Sonntage.

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6 Responses to “Soll ich uns ein Video holen?”

  1. Nummer 9 Says:

    Der George Clooney der Wochentage? Herlich, fantastischer Vergleich 🙂

  2. moyashi Says:

    ich liebe dieses erwachsensein auch. ich bin der grösste nichtstuer vor dem herrn. stundenlang auf dem sofa liegen und den wolken beim ziehen zugucken. vielleicht nen tee dazu. vielleicht später nochmal miss marple gucken, oder der dritte mann, oder citizen kane, oder auch nicht. mehr braucht doch ein sonntag nicht. das schönste: man könnte ja immer was machen, wenn man wollte, aber man muss es nicht (mehr).

  3. kathy Says:

    „Ich hing bis mittags in der Wohnung und fühlte mich unendlich leer“

    genau so waren meine sonntage auch, und zwar von etwa 15 an und genau so wie bei dir, hat es aufgehört als das grausame „erwachsenwerden“ kam (wobei ich mich nicht als erwachsen bezeichnen würde, sagen wir eher „pseudo-erwachsen“)

    this is why I love you 😉

  4. paracuda Says:

    Heute war einer der ersten Sonntage ohne dich seit langer Zeit und das ist etwas, woran ich mich nicht gewöhnen will. 😦

  5. Kai Says:

    Gratulation!

    Ich hab dass bisher noch nicht geschaftt. Allerdings arbeite ich daran. Zumindest habe ich mich gestern aufgerappelt und meine Steuer gemacht. Ein anfang! Mir fehlt da wohl noch etwas an Erwachsenheit 😉

  6. Marita Says:

    Ich kann Sonntag immer noch nicht leiden. Weil sie gefühlt irgendwie schon gar nicht mehr zum Wochenende gehören sondern schon Fast-Montage sind. Und weil ich oft einen Kater habe.


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